Die Chefin im Podologie-Fachblatt

Sarah (l.) und Natascha sehen Nicole über die Schultern, betrachten die Geschichte im Podologie-Magazin über die Chefin.
18 Jun 2019

Sarah Di Natale (l.) und Natascha Kienberger betrachten zusammen mit Nicole Spirig den Artikel in Podologie-Schweiz.

 

Das Fachmagazin Podologie des Schweizer Podologen-Verbandes erscheint zehn mal jährlich. In der Rubrik «Stafette» interviewte Yvonne Siegenthaler, Mitglied im Zentralvorstand, Ressort Fachredaktion Nicole Spirig. Diesen Artikel möchte ich meinen Leserinnen und Leser, Kundinnen und Kunden nicht vorenthalten.

 

Nicole Spirig

Als nächste Interviewpartnerin für unsere Stafette* hat Esther Bieri Nicole Spirig gewählt. Sie führt eine Podologiepraxis mit vier Mitarbeiterinnen in Balgach SG, ist Referentin sowie Mitglied der Kurskommission ÜK des SPV.

Nicole, kannst du dich unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen?
Nicole Spirig: Im Sternzeichen Wassermann am 27. Januar 1973 in Altstätten SG geboren, habe ich nach der obligatorischen Schulzeit zuerst eine kaufmännische Lehre abgeschlossen, bei SFS, dem international tätigen Grossunternehmen in Heerbrugg. In dieser Firma wurde den Lernenden ein grosser Stellenwert beigemessen.

Und das hat dich geprägt?
Ja natürlich, sehr. Im positiven Sinne. Dies hat mich im positiven Sinne sehr geprägt. Uns Auszubildenden wurde stets vermittelt, dass wir wichtig und die Zukunft sind. Danach habe ich mich in Zürich zur Podologin SPV ausbilden lassen. 2001 absolvierte ich die Ausbildung zur Podologin HF. Seither bilde ich mich laufend weiter. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren. Zudem bin ich ausgebildete Yogalehrerin.

Du führst eine Praxis mit mehreren Angestellten und Lernenden. Welche Vorteile hat dies gegenüber einer Einzelpraxis?
Ein grosser Vorteil ist unsere Flexibilität bei den Arbeitszeiten. Wir bieten einen grossen Spielraum für eine breite Zielgruppe und können Ferienabwesenheiten gegenseitig überbrücken. Unseren Geschäftspartnern wie Altersheimen, Rehaklinik, Kantonsspital etc. können wir eine nahtlose Terminzusicherung gewährleisten.

Das kann nur ein funktionierendes Team bewältigen.
So ist es. Ich persönlich empfinde den Austausch mit Teammitgliedern, das «Im-selben-Boot-sitzen», als sehr bereichernd. Was haben wir schon gelacht und uns gegenseitig die «Stange gehalten», den Rücken gestärkt oder freigehalten.

Und wie ists mit «Fachsimpeln»?
Nicht selten fragen wir uns gegenseitig um Rat. Ebenso erweist uns das «Vier-Augenprinzip» wertvolle Dienste. In einem guten Team zu arbeiten ist ein Geschenk und das Beste, was einem passieren kann. Das war nicht immer so in den vielen Jahren. Das Zusammenarbeiten mit Angestellten ist eine grosse Herausforderung.

Deine Praxis befindet sich in einer Randregion. Ist es schwierig, passende Mitarbeitende zu finden?
Tatsächlich ist es für uns nicht einfach, Mitarbeitende zu finden. Bisher konnte ich noch nie eine ausgelernte Podologin EFZ dafür begeistern, für uns im St. Galler Rheintal zu arbeiten. Meine jetzigen Angestellten habe ich alle selbst ausgebildet.

Ist es einfach Lernende zu finden?
Nein, sehr schwierig. Nicht nur, weil der Beruf wenig bekannt ist und deshalb möglicherweise mangelndes Interesse vorhanden wäre. Nein, es ist vor allem der wahnsinnig lange Schulweg, der grundsätzlich abschreckt.

Die Lernenden nehmen den ersten Zug am Morgen …
… und kommen spät abends von Zofingen heim. Ein Teil der Wegstrecke werden sie teils von den Eltern gefahren. Es ist für ein 14-, 15-jähriges Mädchen, das unseren Beruf schnuppert, kaum vorstellbar, diese grosse Hürde selbstständig und alleine zu meistern.

Du bist zudem als Referentin in den Überbetrieblichen Kursen, den ÜKs tätig. Ein grosser Aufwand?
Nicht ausserordentlich gross. Der Bildungsplan sagt uns klar, was wir bei welcher Bildungsstufe unterrichten müssen. Rhea Schäpper und ich unterrichten die Fächer Anamnese/Medizinische Terminologie und das Fach Orthesentechnik.

Wie belastend ist das?
Auch wenn der ÜK jeweils nur im Herbst stattfindet, beschäftigen mich diese Unterrichtsthemen das ganze Jahr hindurch. Rhea und ich besuchen beide Aus- und Weiterbildungen und halten Augen und Ohren offen, um den Unterricht ständig zu verbessern.

Dazu kommen noch Weiterbildungen …
… sowie Veranstaltungen und Kurse besuche ich nicht einfach nur so; ich beobachte. Es interessiert mich, wie Referenten wirken. Wie sie Inhalte vorstellen und vermitteln, wie Lernziele definiert und umgesetzt werden, und wie die Schule den Weg zum Erreichen der Kompetenzen umsetzt.

Ein spezieller Job
Tatsächlich. Als ÜK-Referentin zu unterrichten ist ein spezieller Job. Denn leider sind nicht immer alle Lernenden motiviert. Das stellt uns Referentinnen vor ungewohnte Situationen.

Das ist im Alltag anders
Richtig. In meinem Berufsalltag kommen alle mir gegenübersitzenden Menschen gerne und aus freiem Willen zu mir. Das ist wesentlich einfacher.

Was gefällt dir besonders an der Arbeit mit Auszubildenden?
Mir gefällts, mein Wissen sowie meine jahrelange Erfahrung an junge Menschen weiterzugeben. Mit dem Podologie-Handwerk erlernen wir einen hervorragenden Beruf. Ich selber musste weit reisen, um meinen Wunschberuf zu erlernen.

Fandest du schnell einen Ausbildungsplatz
Ich erlebte während der Lehre, wie schwierig es ist, einen guten Ausbildungsplatz zu finden. Wenn wir unseren Beruf erhalten wollen, braucht es Ausbildungsbetriebe sowie Podologinnen und Podologen, die den Berufsstand sichern.

Eine Motivation selbst auszubilden?
Wir haben im SPV einen engagierten und professionellen Vorstand, der tatkräftig Hochstehendes leistet.

Verbandsarbeit ist dir nicht fremd?
Ich bin Mitglied in drei Berufsverbänden. Deshalb sehe ich in verschiedene Branchen, Verbandstrukturen und deren wirtschaftlichen Herausforderungen hinein. Als Mitglied unseres Verbandes liegt es mir am Herzen, den Vorstand auf meine bestmögliche Art und Weise zu unterstützen.

Im Weiteren amtest du als Mitglied der Kurskommission ÜK.
In der Kurskommission vertrete ich unter anderem die Sicht der ÜK-Referentinnen. Da bin ich am Puls des Geschehens, was für die Kommission wertvoll ist. In der Kurs-Kommission ÜK werden die Feedbackbogen analysiert. Wir streben eine Verbesserung und Weiterentwicklung der ÜK an.

Da geht es ebenfalls um Weiterbildungsangebote?
Genau. Und zwar für uns Referentinnen. Wir stehen in engem Kontakt mit den Bildungsverantwortlichen des Kantons, mit der Berufsschule des Schweizerischen Podologen Verbandes SPV sowie mit den QV*- und HF*-Prüfungskommissionen. Zudem überwacht und kontrolliert die KK, ob die Lernziele EFZ mit den Anforderungen am QV abgestimmt sind. Ebenso soll der nahtlose Übertritt in die Bildungsstufe HF gewährleistet sein.

Du bist verheiratet und Mutter von vier Kindern. Wie bringst du Familie, Beruf und Hobbies unter einen Hut?
Mein Mann wollte an der Entwicklung unserer Kinder aktiv teilhaben, er unterstützt mich in der Kindererziehung tatkräftig und übernimmt zu Hause viele Aufgaben.

Was macht er beruflich
Mein Mann arbeitet als Orthopädietechniker und ist Fachmann für Rehatechnik. Daher kennt er unsere Berufs-, Ausbildungs- und Verbandssituation sehr gut. Er hat meine Tätigkeit in all den Jahren immer unterstützt.

Eure Kinder besuchen eine Privatschule?
Wir entschieden uns, die Kinder ab vier Jahren in eine Privatschule mit Tagesstruktur zu geben. Dort sind sie tagsüber perfekt und professionell betreut. Sie lernen ihre schulischen Kompetenzen in einer altersdurchmischten «Grossfamilie».

Dort lernen sie «verrückte» Dinge
Stimmt. Unterrichtet wird nicht nur Mathe, Englisch und Geographie, «Hütten bauen» ist ebenso lernbar. Genauso Kochen, Streiten und Diskutieren. Kommen sie am Abend heim, haben sie die Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen bereits erledigt. Das ermöglicht uns eine erholsame Familienzeit und lässt genügend Freiraum für unsere Hobbys.

Yoga ist nicht nur ein Hobby von dir. Du bist dipl. Yoga-Lehrerin YCH/EYU und bietest Lektionen an.
Bevor ich Mutter wurde, gingen mein Mann und ich wöchentlich ins Hatha Yoga. Mich interessierte, wieso Yoga wirkt, was der Schlüssel, das Geheimrezept dieser Philosophie ist. So entschied ich, mich in Basel an der Lotos Schule anzumelden und reiste während vier Jahren an vielen Samstagen durch die Schweiz. Meine Familie, mein Mann und die Kinder unterstützten mich dabei.

Kann Hatha Yoga auch den Füssen helfen, etwa bei Fehlstellungen und Schmerzen?
Für die Diplomarbeit sollte ich eine praxisorientierte Vertiefungsarbeit erstellen. Mir war klar, ich nehme beim Thema „gesundheitsfördernder Aspekt“ den Fuss ins Visier.

Brauchtest du da Probanden?
Ja. Zwölf waren es. Was ich dann in den drei Monaten Studienzeit über den Fuss herausfand, konnten mir 20 Jahre Podologie nicht aufzeigen.

Wer konnte mitmachen?
Probanden mussten Knick-, Senk-, oder Spreizfüsse haben. Oder unter Hallux-Valgus, Krallen- oder Hammerzehen leiden. Sie waren zwischen 40 und 70 Jahre alt.

Was passierte nach zwölf Wochen Yoga?
Ich staunte nicht schlecht. Bei allen Probanden, Probandinnen stellte ich merkliche Verbesserungen der Fussstellungen fest.

Seither gibst du Yoga-Lektionen
Heute biete ich neben meiner Tätigkeit als Podologin wöchentlich sechs Lektionen Hatha Yoga an. Es bereitet mir grosse Freude, die Menschen nicht nur fusstechnisch, sondern ebenfalls ganzheitlich zu betreuen.

Über deine Praxis betreibst du einen Blog. Warum?
Diesen Blog hat mir mein Berater aufs Auge gedrückt. Er machte mir klar, dass sich Menschen für Menschen interessieren. Und so «muss» ich mich in den Vordergrund stellen – ob ich will oder nicht.

Hatte er Recht?
Ich gebe zu, ich nahm die Internetseite, sowie den Blog, nur widerwillig in Angriff. Schnell merkte ich jedoch, die Wirkung ist gross. Unsere Kundschaft nimmt wahr, was wir machen. Mein Rat: Wer keine Webseite hat, tut gut daran, sich darüber Gedanken zu machen. Ein gutdurchdachter Webauftritt gehört heute zu einem modernen Geschäft.

Liebe Nicole, vielen herzlichen Dank für den spannenden und inspirierenden Austausch.

 

Interview: Yvonne Siegenthaler, Mitglied im Zentralvorstand, Ressort Fachredaktion des Podologen Verbandes. (Der Artikel erschienen in der Fachzeitschrift «Podologie Schweiz» 3/19)

 

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