QV-Stress: Jetzt ist Packen angesagt

Sarah packt ihre Kiste mit dem Material für den QV-Tag. Kollegin Hannah hilft ihr.
01 Mai 2017

Drei Jahre üben sie. Lernen. Und dann, am Tag X, muss die Auszubildende alles abrufen können. Bei Sarah ist es so weit.

Und einmal mal mehr ist Packen angesagt. Der Koffer steht parat. Frotteetücher, Papierservietten, Tupfer, Medikamentenflaschen, Desinfektionsmittel liegen bereit, Nagelzangen und Klingenhalter glänzen in den beschrifteten und nummerierten Steribeuteln.

Diesen grossen logistischen Aufwand nehmen wir bereits Monate und Wochen vor dem grossen Tag in Angriff. Und jedes Mal beim letzten Check der Liste fehlt dann doch noch das eine oder andere Material. Organisation pur.

Das QV, das Qualifikationsverfahren beschäftigt mein Podologie-Team über Wochen. Nachdem die Prüfungsmodelle bereits Monate zum Voraus bestimmt sind, erstellen wir Übungspläne. Frau Müller beispielsweise kommt nun fast wöchentlich in die Praxis, damit die Auszubildende üben kann.

Vom Anamneseablauf über Orthesentechnik bis zur Verbandtechnik, alles muss die Lernende üben. Wir diskutieren, definieren und trainieren. Gut zwei Monate vor der Abschlussprüfung behandelt die Lernende die Füsse ihres Prüfungsmodels nicht mehr. Das heisst also ab Ende Februar kontrolliert sie die Füsse nur noch, cremt sie ein und beobachtet allfällige Druckstellen, Hühneraugen und eingewachsene Zehennägel.

Vor der Prüfung schmerzen die Füsse des Models

Tritt der Super-Gau ein und ist das Hühnerauge zu wenig ausgebildet, muss das Prüfungsmodell ab sofort kleinere, engere Schuhe tragen. Autsch! Dann aber drohen möglicherweise Entzündungen, Blasen oder gar im schlimmsten Fall eine eitrige Druckstelle. Ebenfalls beginnen immer länger werdenden Zehennägel massiv zu stören. Es können Druckstellen oder Verletzungen an benachbarten Zehen entstehen.

Es ist jedes Mal buchstäblich ein Krimi, wie toll die Prüfungsfüsse am Ende, am Tag X dann wirklich sind. Im Vergleich dazu scheint die Packerei der vielen kleinen Boxen ein Kinderspiel.

Der Prüfungstag an der Berufsschule in Zofingen AG ist sowohl für die Lernende wie fürs Prüfungsmodell ein überaus wichtiger Tag. Meist fiebern nicht nur Prüfling und Modell mit. Nein, Eltern werden angesteckt, der Freund, die Freundin, das Team.

«Mitten in der Nacht» im Kleinbus nach Zofingen

Alleine reist bei mir niemand an die Abschlussprüfung. Das ist Teamwork. Schliesslich brechen wir spätestens morgens um viertel vor fünf auf. Noch bevor der erste Zug das Rheintal Richtung Zürich, Olten, Zofingen verlässt. Mit im Auto eine aufgeregte Lehrtochter, das erste Prüfungsmodell, eventuelle eine besorgte Mutter und eine nervöse Freundin. Später folgen noch weiteren Modelle. So ein QV-Tag dauert über acht Stunden.

Für mich als Ausbildnerin geht jeweils ein «Lebensabschnitt» dem Ende entgegen. Da kommt ein Schulmädchen in meinen Ausbildungsbetrieb. Ich und mein Team bilden sie aus, coachen sie, damit sie nach drei Jahren als junge Frau nach bestandenem QV ein Fähigkeitszeugnis erhält. Sich Podologin EFZ nennen darf. Aus der Schülerin wurde eine verantwortungsvolle Arbeitnehmerin.

Die Vorbereitung und die letzten Tage vor dem QV sind eine bedeutende Zeit. Da frage ich mich natürlich: Gelang es mir, das nötige Handwerk weiter zu geben? Gelang es uns, das Handwerk so zu üben, dass dieses in der Stresssituation am Prüfungstag standhält?

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