Was tun, wenn er immer dasselbe erzählt?

Cristina De Biasio, Dipl. Pflegefachfrau und Pflegeexpertin HöFa 2 sowie Co-Präsidentin der Alzheimer Vereinigung St. Gallen/Appenzell
25 Okt 2014
Die Glückspost berichtete in Ausgabe 47/12 über unsere Weiterbildung zum Thema «Umgang mit dementen Patientinnen, Patienten»

Die Glückspost berichtete in Ausgabe 47/12 über unsere Weiterbildung zum Thema «Umgang mit dementen Patientinnen, Patienten»

Auch Menschen die an einer Demenz erkrankt sind brauchen Fusspflege oder wollen Haare schneiden. Für Podologinnen etwa oder Coiffeusen keine einfach Aufgabe. Gut, wenn man weiss, wie mit diesen Menschen umgehen. Cristina De Biasio (Bild) sagte wie das geht.

Wer Demenzkranke als Kunden hat, ist gut beraten sich darauf einzustellen. Das wurde auch Nicole Spirig bewusst. Die 39-Jährig betreibt in Balgach SG eine medizinische Fusspflegepraxis und organisierte für sich und ihre fünf Mitarbeiterinnen eine Weiterbildung. Ziel war, demenzkranke Kundinnen und Kunden optimal betreuen zu können. Und zwar in den Altersheimen und in der Praxis.

Cristina De Biasio (grosses Bild), Dipl. Pflegefachfrau und Pflegeexpertin HöFa 2 sowie Co-Präsidentin der Alzheimer Vereinigung St. Gallen/Appenzell wurde gleich zu Beginn mit konkreten Fällen konfrontiert. Anja (19) fragte, was sie tun soll, wenn sie im Altersheim einem ehemaligen Pfarrer die Socken nicht ausziehen darf, um seine Füsse zu pflegen. Natalie (25) möchte wissen, wie sie handeln soll, wenn eine demente Bewohnerin jedes Mal die Fusspflege verweigert und sagt: «Morgen trete ich aus und gehe zu meinen Eltern». Natascha (25) weiss nicht, wie reagieren, wenn Demenzkranke sie jedes Mal nicht mehr erkennen, immer dasselbe behaupten und keine Geduld haben, auf das Ende der Behandlung zu warten. Carole (18) erzählt, wie sie sich von einer älteren Frau verunsichern liess, als die schimpfte, «‹sie tun mir weh›, dabei habe ich sie noch gar nicht berührt.»

Geduld und Einfühlungsvermögen
Cristina De Biasio kennt solche Situationen gut. Sie bittet um eine grosse Portion Geduld und Einfühlungsvermögen. «Ist die Krankheit fortgeschritten, sollten man sich auf die schwierige Behandlungssituation einstellen und viel Flexibilität zeigen.»

Gut ist, wenn man bei der Terminplanung genug Zeit einrechnet. Menschen mit Demenz sollte man nicht hetzten. «Reservieren Sie für die Behandlung eine Randstunde. Sprechen Sie sich wenn möglich mit den Angehörigen ab. Regeln Sie mit ihnen die Bezahlung ihrer Dienstleistung.»

Sitzt der Kunde, die Kundin dann auf dem Behandlungsstuhl, könnte man sich daneben setzen, rät Cristina De Biasio. Auf gleicher Höhe sein. Den Augenkontakt suchen und dann mit ruhigen einfachen Worten erklären, was man vorhat. «Sagen Sie beispielsweise: ‹Ich wasche Ihnen die Haare und wir machen dann eine schöne Frisur›. Vermeiden Sie lange und komplizierte Sätze mit zu vielen Informationen. Ebenfalls wichtig: Stellen Sie keine schwierigen Fragen. Komplizieren Sie die Sache nicht unnötig. Reden und handeln Sie nicht gleichzeitig, sondern lassen Sie Zeit, das überfordert diese Menschen.»

Demenzkranke reden lassen
Im Coiffeursalon, in der Podologiepraxis oder im Kosmetikstudio wird gerne geschwatzt. Gut möglich, dass eine an Demenz erkrankte Kundin viel erzählt. Dann soll man zuhören und sich nicht anmerken lassen, wenn man eine Geschichte schon x-Mal gehört hat. Will man selbst ein Gespräch beginnen, eignen sich die «alten Zeiten» hervorragend. Die sind den meisten Betroffenen noch präsent. Denn vergessen geht zuerst immer das Naheliegende. Cristina De Biasio erklärt das mit einem Wollknäuel der abgewickelt wird. «Erinnerungen die lange zurückliegen, gehen in der Regel erst ganz zuletzt verloren.»

Es kann auch vorkommen, dass eine demenzkranke Person etwas behaupten, das hinten und vorne nicht stimmt. «Lassen Sie es geschehen. Beharren Sie nicht darauf, dass Sie Recht haben», sagt Cristina De Biasio. «Diskutieren Sie nicht über Realitäten wenn jemand sagt, ‹dass sind nicht meine Schuhe›. Warten Sie ab, versuchen Sie den Betroffenen abzulenken, geben Sie ihm ein Heftli in die Hand und probieren sie dann nochmals, ihm den Schuh anzuziehen.» Auch sollte man Demenzkranken nie ihr Fehlverhalten vor Augen führen, sollte sie nicht korrigieren oder zurechtweisen. Sagt jemand am Dienstag, es sei Freitag, dann lässt man ihm diesem Glauben. Bestätigen Sie den Kranken, loben Sie ihn, aber korrigieren Sie auf keinen Fall, denn dies ist beschämend, verletzend und kann auch Reaktionen wie Ärger oder gar Aggression provozieren.»

Wertschätzung und Einfühlungsvermögen ist wohl die wichtigste Eigenschaft, die Menschen mit Demenz entgegen gebracht werden muss. «Es ist wichtig, dass man die Gefühle des Betroffenen wahrnimmt», sagt Cristina De Biasio. «Und wenn immer möglich Trost und Anerkennung spendet. Gut ist, wenn es gelingt zu erahnen, welches Gefühlt hinter dem Verhalten steckt. Gut möglich, dass jemand die eigene Unzulänglichkeit spürt und das macht wütend, traurig und frustriert.»

Demenzerkrankung frühzeitig erkennen
Gerade beim Coiffure oder in der Fusspflege fällt es Angestellten auf, wenn Stamm- Kunden sich verändern. Wenn sie Termine verpassen, immer wieder dieselben Geschichten erzählen, sich auf dem Hin- oder Rückweg verirren. Solche Hinweise könnten auf eine Demenz-Erkrankung deuten. Wer den Kunden, die Kundin schon lange kennt, kann mit Angehörigen reden, oder dem Betroffenen raten, einen Arzt aufzusuchen. So ein Gespräch lässt sich gut mit den Worten einleiten: «Ich mache mir Sorgen um Sie.» Will jemand dann darüber sprechen, kann man ihm erklären, dass es Sinn macht, frühzeitig abklären zu lassen wie es um die geistige Gesundheit steht. Gut zu wissen: Nicht jeder der vergesslich wird, leidet an Alzheimer! Es gibt andere Erkrankungen die behandelbar sind, die demenzähnliche Symptome hervorrufen können. Einer fachärztlichen Abklärung ist auf jeden Fall hilfreich.

Martin Schuppli

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