Wer in Balgach Podologin lernt, muss um die Welt reisen

So stellt Google-Maps die Bahnreise nach Zofingen dar.
15 Mai 2017
Eine Rheintalerin die Podologin werden will und bei uns eine Lehrstelle gefunden hat, besucht die Berufsschule in einer äusseren Ecke des Kantons Aargau. In Zofingen. Das liegt rund 170 Kilometer entfernt von Balgach.

 

Ein Schultag dauert 15 Stunden

Der Tag in der Berufsschule beginnt früh und endet spät für die Lernenden unserer Podologiepraxis:

  • 4.55 Uhr Heerbrugg: Abfahrt des ersten Zuges nach St. Gallen.
  • 5.45 Uhr St. Gallen: Abfahrt nach Zürich. Hier hats noch genügend Sitzplätze.
  • 7.04 Uhr Zürich: Abfahrt nach Olten. Der Zug ist gut gefüllt.
  • 7.50 Uhr Olten: Abfahrt nach Zofingen.
  • 8.00 Uhr: Der Zug trifft in Zofingen ein. Gleichzeitig beginnt der Unterricht.
  • Eilmarsch ins Schulhaus.

Die Lernenden kommen zu spät. Im ersten Lehrjahr verpassen sie jeweils die ersten Minuten der Allgemeinbildung. Im 2. und 3. Lehrjahr ist es ein anderes Fach. Hat jemand bei Frau B. Unterricht, beginnt der Schultag jedes Mal mit einer Prüfung. Blöd für unsere Lernenden. Die Lehrerin wartet nie auf die Schülerin aus dem Rheintal.

Neun Stunden später, um 17 Uhr, ist die Schule aus. Jetzt hetzen die Schülerinnen, Schüler auf den Bahnhof

  • 17.13 Uhr: Abfahrt Richtung Olten. Der Zug ist gut gefüllt.
  • 17.20 Uhr: Abfahrt in Olten. Im Doppelstockzug nach Zürich findet sich kaum ein Sitzplatz
  • 18.09 Uhr Zürich: Im Zug Richtung München müssen unsere Lernenden erst in St. Margrethen umsteigen.
    Der Zug ist voll, es hat sehr wenig Sitzplätze.
  • 18.41 Uhr: Ankunft in St. Margrethen
  • 19.47 Uhr: Abfahrt nach Heerbrugg
  • 19.52 Uhr: Ankunft in Heerbrugg

An diesem Tag haben die Lernenden zwei bis drei Mal auswärtsgegessen und fürs Retourbillette CHF 67.60 bezahlt. Die Lernenden der Podologie Spirig fahren mit GA. Diese anstrengende Reise unternehmen sie einmal pro Woche und somit etwas mehr als 120 Mal während der dreijährigen Lehrzeit und so umrundet eine Lehrtochter auf Höhe Äquator in der «Stifti» einmal die Erde.

Einmal rund um die Erde

Eine Podologie-Lernende aus dem Rheintal, sitzt pro Schultag knapp 7 Stunden im Zug. Das ergibt in drei Jahren rund 840 Stunden. Sie sitzt also 34 volle Tage im Zug. Dabei legt sie über 42 000 Kilometer zurück. Eine Erdumrundung ist das locker. Müsste diese Lernende jedes Mal ein Billett kaufen, kostete das CHF inkl. Halbpreis-Abo knapp CHF 9000.

Das ist aber noch nicht alles. Zusätzlich absolviert eine Lernende jedes Jahr acht ÜK-Tage in der Berufsschule, das sind Überbetriebliche Kurse. Dann lohnt sich das Heimfahren kaum. Wer keine Verwandten in der Nähe von Zofingen hat oder bei einer Kollegin wohnen kann, muss in einem Hotel ein Zimmer buchen. Die Jugendherberge ist nicht immer offen. Die Kosten für diese «Zofingenferien» rechnen wir hier nicht aus.

Zum Schluss noch das Kuriosum Skitag. Er findet jeweils in Engelberg OW statt. Diese aufwändige Reise müssen die Lernenden der Podologiepraxis nicht auf sich nehmen. Hier ein Auszug aus dem Brief an die Organisatoren. «Eine Reise von Altstätten direkt nach Engelberg dauert vier bis fünf Stunden, die Rückfahrt nach Hause noch einmal vier bis fünf Stunden. Acht, neun Stunden Reise für einen Skitag sind zu viel.»

Verkehrsstau sorgt für Adrenalin-Kick

Etwas Aufregung gehört dann an der Lehrabschlussprüfung dazu. An diesem QV-Tag muss die Lernende um 8 Uhr mit der Prüfung beginnen. Die Anreise im Zug ist also unmöglich. Dann halt im Auto. Aber was passiert, wenn auf der A1 oder der A3 ein Megastau gemeldet wird? Dann gibts Herzklopfen.

Rechnet man das alles durch, so betreiben die junge Frauen aus dem Rheintal einen grossen Aufwand um ihren Beruf zu erlernen. Bewundernswert.

 

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